Kinder mit spezifischer Sprachentwicklungsstörung: Prospektive Längsschnittstudie bei unterschiedlichen Bildungsangeboten – Kisses-Proluba (Verbundvorhaben)


Teilprojekt A und B

Pädagogische Hochschule Heidelberg

Fakultät für Erziehungs- und Sozialwissenschaften

Keplerstr. 87

69120 Heidelberg

Verbundkoordinatorin: Prof. Dr. Bettina Janke

Förderkennzeichen: 01JC1102A

Laufzeit: 01.11.2011–28.02.2014


Universität Leipzig

Erziehungswissenschaftliche Fakultät -

Institut für Förderpädagogik

Ritterstr. 26

04109 Leipzig

Projektleiter: Prof. Dr. Christian W. Glück

Förderkennzeichen: 01JC1102B

Laufzeit: 01.11.2011–28.02.2014


Folgende Forschungsfragen wurden im Vorhaben gestellt:

  • Lassen sich Sprachentwicklungsstörungen durch unterrichtliche und weitere Förderangebote abbauen und kompensieren?
  • Wie beeinflussen Sprachentwicklungsstörungen den Erwerb von Lese­Schreib­Kompetenzen, von mathematischen Fähigkeiten und des schulischen Selbstkonzeptes der Kinder?
  • Wie verläuft die sozioemotionale Entwicklung der Kinder in den ersten beiden Schuljahren?

Diese Fragen wurden in einer Längsschnittuntersuchung bei insgesamt 94 Grundschulkindern mit Sprachentwicklungsstörungen untersucht. Davon besuchten 69 Kinder eine Sprachheilschule und 25 Kinder wurden mit sonderpädagogischer Unterstützung in der Grundschule beschult. Die Kontrollgruppe setzte sich aus insgesamt 80 Kindern mit typischem Spracherwerb aus der Grundschule zusammen. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich über zwei Jahre mit drei Erhebungszeitpunkten (Schulbeginn, Ende Klasse 1, Ende Klasse 2). Die Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten, der Schulleistung und der sozialen Einbindung in der Klasse wurde mit standardisierten und normierten Testverfahren festgestellt. Weitere Aspekte der sozioemotionalen Entwicklung sowie des sozialen und schulischen Selbstkonzepts wurden in standardisierten Interviews erhoben. Weitere Informationen und Einschätzungen von den Lehrkräften und den Eltern wurden mit Fragebögen eingeholt.

Insgesamt verbessert sich die Untersuchungsgruppe in allen untersuchten Bereichen, kann aber unabhängig vom Lernort nicht das Niveau der Kontrollgruppe von Kindern ohne Sprachentwicklungsstörung erreichen. Im sprachlichen Entwicklungsbereich werden Aussprachestörungen am deutlichsten überwunden. Der Anteil korrekter Sätze in einem Test zur Grammatikproduktion steigt hinsichtlich Verbstellung und Kasus von 54 auf 79 Prozent zum Ende der 2. Klasse an. Auch die unterdurchschnittlichen Leistungen im Grammatikverständnis zu Schulbeginn verbessern sich zwar bis zum Ende der 2. Klasse signifikant, dennoch zeigen 27 Prozent der Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen unterdurchschnittliche Leistungen. Der Rückstand in der Wortschatzentwicklung beträgt für viele Kinder der Untersuchungsgruppe im Mittel zwei Jahre.

Auch bei den Vorläuferfertigkeiten für den Schriftspracherwerb zeigen sich die ungünstigen Lernausgangslagen. So lassen sich bei 26 Prozent der Kinder mit spezifischer Sprachentwicklungsstörung Auffälligkeiten in einem Test zum phonologischen Bewusstsein und visueller Aufmerksamkeit erkennen. Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen bleiben beim Schreiben- und Lesenlernen am Ende der ersten und 2. Klasse hinter den Kindern mit typischer Entwicklung zurück. Dies gilt insbesondere für die Rechtschreibleistung, die bei 75 Prozent der Kinder mit Sprachentwicklungsstörung zum Ende der 2. Klasse unterdurchschnittlich ist.

Entgegen landläufiger Meinungen können bei Sprachentwicklungsstörungen auch Mathematikleistungen beeinträchtigt sein. Bereits zu Schulbeginn ist bei 27 Prozent der Kinder aus der Untersuchungsgruppe, aber nur bei sieben Prozent der Kontrollgruppe eine unterdurchschnittliche Kompetenz im frühen Rechnen zu erkennen. Am Ende der 2. Klasse liegen bei 40 Prozent aller Kinder der Untersuchungsgruppe unterdurchschnittliche Leistungen sowohl in Deutsch als auch in Mathematik vor, während dies nur bei elf Prozent der Kontrollgruppe der Fall ist.

Insgesamt ist das Risiko von Kindern mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen, am Ende der ersten und 2. Klasse von ihren Lehrkräften als psychisch auffälliger eingeschätzt zu werden, etwa dreimal höher als bei Kindern der Kontrollgruppe. Dies trifft in besonderer Weise auf diejenigen Kinder zu, deren Deutsch- und Mathematikleistungen unterdurchschnittlich sind.

Zugleich hat diese insgesamt gefährdete Gruppe am Ende von Klasse 1 und 2 ein schwaches schulisches Selbstkonzept, insbesondere in Mathematik. Außerdem geben diese Kinder häufiger an, eher aufzugeben und weniger motiviert zu sein, sich den schulischen Herausforderungen zu stellen. Auch das Emotionsverständnis der Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen nimmt im Laufe der ersten zwei Schuljahre zwar zu, bleibt aber signifikant hinter dem der Kinder mit typischer Sprachentwicklung zurück. Dies ist besonders zu beachten, da das Emotionsverständnis ein wichtiger Faktor für die Entwicklung positiver sozialer Beziehungen ist. Die genannten Ergebnisse treffen unabhängig vom Lernort zu.

Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen bilden die größte Gruppe der etwa 54.000 Kinder in Deutschland mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich Sprache. Sie weisen mit ihren ungünstigen sprachlichen Lernvoraussetzungen erhebliche Bildungsrisiken auf, die auch bei intensiver sonderpädagogischer Unterstützung nur teilweise kompensiert werden können. Deshalb muss die Förderung dieser Kinder unabhängig vom Lernort auf mehreren Ebenen erfolgen: Neben spezifischer Sprachförderung und besonderer Unterrichtsgestaltung beim Schriftspracherwerb und in Mathematik ist die sozioemotionale Entwicklung zu unterstützen – besonders bei der Bewältigung der mit der Sprachentwicklungsstörung verbundenen psychosozialen Probleme.

Weitere Informationen unter
http://www.ph-heidelberg.de/einrichtungen/fakultaeten/fakultaet-fuer-erziehungs-und-sozialwissenschaften.html
http://www.erzwiss.uni-leipzig.de/institut-foerderpaedagogik
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