Wirksamkeit von Bildungs- und Interventionsprogrammen zur Prävention und Kompensation von Armuts- und Migrationsfolgen bei Kindern und Jugendlichen


Ein Forschungsüberblick und eine Meta-Analyse internationaler Evaluationsforschung

Friedrich-Schiller-Universität Jena

Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften

Institut für Psychologie - Abt. für Forschungssynthese, Intervention und Evaluation

Fürstengraben 1

07743 Jena

Projektleiter: Prof. Dr. Andreas Beelmann

Förderkennzeichen: 01JC1105

Laufzeit: 01.11.2011–28.02.2015


Folgende Forschungsfragen wurden im Vorhaben bearbeitet:

  • Wie wirksam sind unterschiedliche Interventionsprogramme zur Prävention und Kompensation von Armuts­ und Migrationsfolgen
  • Von welchen Bedingungen sind die Erfolge dieser Programme und Interventionen abhängig?

Armut und Migration sind häufig bestätigte Risikofaktoren für Bildungs- und Entwicklungsprobleme junger Menschen. Um die negativen Folgen zu mildern, wurden zahlreiche Bildungs- und Präventionsprogramme entwickelt und evaluiert. Mit diesem Projekt sollte eine umfassende Bestandsaufnahme bisheriger Befunde vorgenommen werden, die weltweit möglichst alle relevanten Forschungsarbeiten enthält. Aus 25.000 internationalen Forschungsberichten wurden gut 400 empirische Wirksamkeitsstudien nach spezifizierten Qualitätskriterien ausgewählt. An diesen Untersuchungen nahmen insgesamt über 160.000 Kinder und Jugendliche aus Armuts- und Migrationskontexten teil. Mithilfe statistischer Verfahren wurden die Ergebnisse dieser Studien zusammenfassend analysiert. Neben Studien zu kindorientierten Programmen, die die Sprache, die kognitive Entwicklung und das Sozialverhalten fördern, wurden auch Evaluationen von Eltern- und Lehrerbildungsprogrammen sowie kombinierte Ansätze einbezogen.

Die Analysen zeigen, dass negative Armuts- und Migrationsfolgen durch Bildungs- und Präventionsmaßnahmen im Kindes- und Jugendalter wirksam abgemildert werden können. Die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen verbessert sich laut internationaler Evaluationen durch Maßnahmen um zehn bis 20 Prozent. Dies sind allerdings durchschnittliche Werte über alle Untersuchungen, Maßnahmen, Teilnehmenden und Erfolgskriterien, die weiter differenziert werden müssen.

Deutliche Erfolge erzielen Sprachförderprogramme für Kinder und Jugendliche aus Migrations-, aber insbesondere auch aus Armutskontexten. Oft wird jedoch nur untersucht, ob sich sprachliche Fähigkeiten verbessern. Dabei bleibt offen, ob auch der weitere Bildungsweg positiv beeinflusst wird. Diese Einschränkung gilt für alle untersuchten Maßnahmen und Programme.

Programme zur Förderung des Sozialverhaltens sind im Vergleich zu Programmen zur Förderung kognitiver Kompetenzen insgesamt weniger wirksam. Dies ist unbefriedigend, da Armut und Migration mit Risiken für das Sozialverhalten einhergehen und beispielsweise die Kriminalitätsanfälligkeit und den Drogenkonsum erhöhen. Um negativen Armuts- und Migrationsfolgen entgegenzuwirken, sind hier größere präventive Anstrengungen erforderlich. Vor allem, weil erfolgreiche Sozialprogramme oftmals auch höhere Bildungserfolge nach sich ziehen.

Neben individuellen kindorientierten Programmen erweisen sich Maßnahmen zur Bildung von Eltern und Lehrenden als lohnende Präventionsansätze: In Migrationskontexten sind Programme für Lehrende, in Armutskontexten Programme für Eltern besonders hilfreich. Sie unterstützen Eltern bei der Erziehung und vermitteln Lehrkräften spezifische Unterrichtskompetenzen. Noch nicht geklärt ist, ob und inwiefern diese Programme die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nachhaltig begünstigen. Hierfür sind Untersuchungen über einen längeren Zeitraum notwendig.

Generell erzielen Einzelprogramme teils gute Wirkungen, verfolgen aber oft nur ein spezifisches Ziel oder beschränken sich auf einen eingegrenzten Personenkreis. In der wissenschaftlichen Literatur wie auch in der Praxis wird deshalb gefordert, dass unterschiedliche Ansätze verknüpft und verschiedene Zielgruppen zeitgleich angesprochen werden. Denn kombinierte Maßnahmen und umfassende Programme führen oft  zu hohen und längerfristigen Erfolgen. Zu denken ist hier beispielsweise an Interventionen, die Kinder und Eltern einbeziehen. Diese Programme müssen aufgrund der Komplexität ihrer Ziele allerdings gut konzipiert und sorgsam durchgeführt werden, um ihr Potenzial entfalten zu können.

Für die Praxis der Prävention und Entwicklungsförderung lautet die positive Nachricht, dass die eingesetzten Maßnahmen prinzipiell erfolgreich sind, um die Entwicklungspotenziale von Kindern und Jugendlichen aus Armuts- und Migrationskontexten zu fördern und deren Entwicklungsrisiken abzuschwächen. Besonders wirksam ist es, wenn die Maßnahmen sehr intensiv durchgeführt werden. Außerdem ist es Erfolg versprechend, wenn unterschiedliche Ansätze planvoll kombiniert werden und hohe Qualitätsstandards einhalten. Allerdings zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass es großer Anstrengungen bedarf, solche Förderstrategien unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, von Familien und Schulen erfolgreich umzusetzen. Sie erfordern umfangreiche Voraussetzungen wie personale Ressourcen, ein hohes Engagement der Fachkräfte und erhebliche Koordinierungsleistungen. Sofern diese Bedingungen nicht vorliegen, scheinen fokussierte Einzelprogramme eine erfolgreichere Präventionsstrategie zu sein.

Weitere Informationen unter http://www.psychologie.uni-jena.de/