Wissenschaft vor Ort: „Mehrsprachigkeit wächst sich nicht aus!“


DLR-PT/Gahn

Ein Besuch beim Projekt „Mehrsprachigkeit als Handlungsfeld interkultureller Schulentwicklung“

„Ich habe mir Russisch ausgesucht, weil Mama und Papa in Russland geboren sind und auch Russisch sprechen. Russisch habe ich an die Stelle gemalt, wo mein Bauch ist, weil ich Russisch nicht so gut sprechen kann. Das kommt bei mir aus dem Bauch“, erklärt Anton. Der Zweitklässler besucht eine Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Im Unterricht hat er eine vorgefertigte Figur ausgemalt und alle Sprachen, die er kennt und die ihm etwas bedeuten, farbig in den verschiedenen Körperteilen verortet. Ein großer, runder Fleck in warmem Rot symbolisiert das Russische, das bei ihm „aus dem Bauch“ kommt.

Mehrsprachigkeit im Schulalltag

Antons kunterbunte Arbeit ist im BMBF-geförderten Projekt „Mehrsprachigkeit als Handlungsfeld interkultureller Schulentwicklung. Eine Interventionsstudie in Grundschulen“ entstanden, das an der Universität Münster durchgeführt wird. Das Werk des Grundschülers zeigt eindrücklich, dass Mehrsprachigkeit in Deutschland längst ein fester Bestandteil des Alltags ist. Geleitet wird das Projekt von Sara Fürstenau. Die Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Pädagogik lehrt und forscht seit 2009 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Dr. Katrin Huxel und der Doktorandin Farina Diekmann hat sie sich hehre Ziele gesetzt: Sie gehen in die Schulen, arbeiten direkt mit den Lehrerinnen und Lehrern zusammen und unterstützen diese dabei, die verschiedenen Sprachen der Schülerinnen und Schüler als Ressource – und nicht als Hindernis – wahrzunehmen und diese für den Unterricht zu nutzen. Eine Haltung, die im pädagogischen Alltag immer wichtiger wird.

Sprachvielfalt als Ressource nutzen

„Mehrsprachigkeit ist ein zunehmendes Phänomen. Sie wächst sich also nicht aus, wie manche leichthin glauben mögen“, erklärt Katrin Huxel. In Deutschland sei die Orientierung an der einsprachig deutschen Norm noch immer sehr hoch. An dieser Stelle setzt das Forschungsvorhaben an. Das Projekt startete im Oktober 2013 und stellte die beteiligten Wissenschaftlerinnen vor große Herausforderungen. So war es nicht einfach, Grundschulen zu finden, die bereit waren, am Projekt teilzunehmen. „Die Schulen, die wir gefragt haben, ob sie sich an unserem Projekt beteiligen wollen, haben sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt Sara Fürstenau. Es gebe keine politischen Vorgaben dazu, dass beispielsweise Fortbildungen im Bereich Mehrsprachigkeit an Schulen Pflicht seien. Bei der Förderung der deutschen Sprache gebe es diese Vorgaben aber sehr wohl. Schulen setzen ihre Prioritäten daher oft auf die reine Deutschförderung. Was aus Sicht der Praxis nur verständlich ist: Schließlich wurde in den vergangenen Jahren im Zuge der internationalen Leistungsstudien immer wieder darauf hingewiesen, dass die schulische Leistungsfähigkeit eng mit den Sprachkompetenzen in der Unterrichtssprache, also im Deutschen, zusammenhängt. Doch wenn Schülerinnen und Schüler ihre anderen Familiensprachen in die Schule einbringen können, kann auch dies beim Lernen helfen. Letztlich haben sich drei Grundschulen gefunden, die bereits Erfahrung mit der Berücksichtigung anderer Familiensprachen als Deutsch und auch Herkunftssprachenunterricht haben.

Besserer Unterricht durch wissenschaftliche Tests

Ob sie mit ihrer praktischen Arbeit in den Schulen Erfolg haben, wollen die Forscherinnen unter anderem mit Fragebögen herausfinden. Sie untersuchen Auswirkungen auf zwei Ebenen: einmal auf die Akteure, also die Lehrerinnen und Lehrer, aber auch auf der Schul- und Unterrichtsebene. Dabei ist besonders interessant, ob sich der direkte Umgang mit dem Thema Mehrsprachigkeit verändert hat und ob konkrete Maßnahmen Eingang in die tägliche Praxis gefunden haben. Zusätzlich sind die Wissenschaftlerinnen selbst in den Schulen unterwegs und begleiten dort die Prozesse. So sollen Bedingungen der Schul- und Unterrichtsentwicklung identifiziert werden, die einen konstruktiven Umgang mit Mehrsprachigkeit begünstigen oder erschweren. Sind diese gefunden, können Qualitätsmerkmale für Inhalte und Arbeitsformen eines Professionalisierungs- und Schulentwicklungskonzepts im Handlungsfeld Mehrsprachigkeit benannt werden.

Aber nicht nur das theoretisch gut fundierte Konzept ist von Bedeutung. „Es ist wichtig, dass die Inhalte in den Fortbildungen praxisnah eingeführt werden und dass gemeinsam reflektiert wird“, erklärt Farina Diekmann. Nur so können die Lehrerinnen und Lehrer für die Sache gewonnen werden. „Inhalte zu vermitteln, ist das eine. Vor allem wollen wir aber, dass die Lehrerinnen und Lehrer ganz konkrete Erfahrungen machen mit dem Thema Mehrsprachigkeit, dass sie sich austauschen“, ergänzt Sara Fürstenau. Im direkten Kontakt mit den Pädagoginnen und Pädagogen begegnen die Forscherinnen dabei vielen Herausforderungen und auch Erwartungen. Besonders in der Sekundarstufe seien diese oftmals hoch. „Da sagen die Lehrer: ‚Wenn die Schülerinnen und Schüler zu uns kommen, dann sollen sie gut und akzentfrei sprechen.‘ Das geht doch nicht! Das kann man doch nicht erwarten!“, sagt Katrin Huxel. Daran wollen sie und ihre Kolleginnen nun etwas ändern.

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