Coaching von Lehrkräften im Umgang mit Kindern, die sich auffällig verhalten


Kinder, die sich sozial und emotional auffällig verhalten, brauchen auch im Unterricht besondere Förderung. Lehre rinnen und Lehrer können durch gezielte Coachings dabei unterstützt werden, diesen Kindern zu helfen. Im Interview erzählt Prof. Dr. Charlotte Hanisch von der Universität zu Köln, wie sie und ihre Kolleginnen und Kollegen im Projekt dieses Coaching durchgeführt und überprüft haben.

Frau Prof. Hanisch, wie würden Sie Ihr Forschungsprojekt kurz beschreiben?
Wir haben ein Einzelcoaching für Grundschullehrkräfte angeboten, das darauf abzielte,
den Lehrerinnen und Lehrern den Umgang mit Kindern mit Aufmerksamkeitsund
Regelschwierigkeiten zu erleichtern. Dieses Coaching haben wir durchgeführt und
evaluiert.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, Lehrkräfte in diesem Bereich zu schulen?
Uns haben Kinder mit sozialen und emotionalen Auffälligkeiten interessiert. Im Zuge
der UN-Behindertenrechtskonvention und der Inklusion sind das Kinder, die zunehmend
an den Regelschulen zu finden sind und nicht wie früher an den Sonderschulen.
Und es ist die Gruppe, die bei den Lehrkräften oft Stress und Belastung auslöst. Deshalb
ist es sinnvoll, datenbasierte Interventionsstrategien zu entwickeln, mit denen die
Lehrerinnen und Lehrer lernen können, besser mit diesen Kindern umzugehen. Das
bedeutet, es ist weniger stressig aus der Perspektive der Lehrkräfte, und aus Perspektive
der Kinder ist es natürlich weniger frustrierend und günstiger.

Welche Erfahrungen haben Sie an den Schulen gemacht, an denen Sie die
Fortbildungen mit den Lehrerinnen und Lehrern durchgeführt haben?

Die Lehrkräfte haben gesagt, dass sie sich im Umgang mit der Klasse sicherer
fühlen, insbesondere mit den Kindern mit Problemverhalten. Die Kinder haben
sich nicht nur weniger auffällig verhalten, sondern auch mehr das sogenannte
Zielverhalten erfüllt. Wenn man sich anschaut, was die Lehrerinnen und Lehrer
berichtet haben, hatten wir den Eindruck, dass es ihnen total gutgetan hat,
dass jemand mal vorbeikommt und sich mit ihnen allein hinsetzt und überlegt, was
man verändern kann. Dieser Unterstützungspart von Coaching oder Supervisionwar ganz wichtig.
Wir sind in die Schulen gegangen und haben dort mit einzelnen Lehrern oder Lehrerteams
das Coaching durchgeführt. Da haben die Lehrkräfte immer gesagt, es sei toll,
dass da jemand kommt und sich für ihre Probleme interessiert,
vor allem an Stellen, an denen es auch nicht mehr weitergeht.

Wie sieht so ein Coaching aus?
Über zwölf Wochen gibt es sechs Einzeltermine. Beim ersten Termin geht ein Coach in die Schule
und überlegt mit dem Lehrer, um welches Kind es geht, lässt sich das Kind beschreiben
und sucht mit der Lehr person zwei problematische Situationen oder möglichst konkrete
Verhaltensweisen heraus, die verändert werden sollen.
Beispielsweise wenn das Kind immer in die Klasse ruft und nicht wartet,
bis es drangenommen wird. Das ist ein Problemverhalten, das notiert wird, und
der nächste Schritt ist zu überlegen, was das Ziel sein soll. Nämlich dass das Kind
abwartet, bis es an der Reihe ist. Danach besucht der Coach den Lehrer einmal im
Unterricht und beobachtet, wie die Klassenstruktur ist, die Organisation der Klasse,
wo das Kind sitzt und wie der Lehrer mit dem Kind umgeht. Davon ausgehend
machen Coach und Lehrer dann gemeinsam einen Plan und überlegen,
an welchen Stellschrauben man etwas verändern kann. Beispielsweise
kann man die Lernumgebung umstrukturieren oder Klassenregeln etablieren. Es
gibt fünf Module mit Interventionsideen, aus denen ausgewählt werden kann.
Darin geht es beispielsweise darum, wie die Lehrperson die Beziehung zum Kind
verbessern kann. Mithilfe der Materialien wird das im Coaching erarbeitet, und die
Lehrperson bekommt eine Art Hausaufgabe, nämlich die Inhalte aus dem Coaching
im Unterricht und im Umgang mit dem Kind umzusetzen. Beim nächsten Coaching
wird dann reflektiert, wie gut das funktioniert hat.

Wie sind die Module und das zugehörige Material entstanden?
Unser Team besteht aus Kinderpsychotherapeuten, wir hatten vorher Trainingsmaterial
für Elterngruppen entwickelt zum Umgang mit Kindern, die zu auffälligem
Verhalten neigen. So konnten wir auf unser eigenes Material zurückgreifen, das wir
schon evaluiert hatten, und natürlich auf internationale Befunde dazu, wie man mit
Kindern aus dieser Zielgruppe in der Schule umgehen kann.

Der praktische Nutzen liegt hier also ganz klar auf der Hand. Was ist aus Ihrer Sicht
der bildungspolitische Nutzen?

Im Zuge der Inklusion sehe ich als ein Nadelöhr, wie die Umsetzung in den Schulen
gelingt. Gerade auch die Frage ist wichtig, wie die Sonderpädagoginnen und -pädagogen,
die für die Inklusions- oder Förderkinder an die Schule gehen, mit den Regelschullehrkräften
zusammenarbeiten sollen. Daran möchten wir im nächsten Schritt mit unserem
Coaching ansetzen. Wir sind so vorgegangen, dass jemand von außen mit den Lehrkräften arbeitet.
Man könnte sich aber auch vorstellen,dass ein Team aus Sonderpädagoge und Regelschullehrer dieses Material nutzt, um einen roten Faden zu haben, wie man kindliches Verhalten beschreiben, erklären und
verändern kann. Das kann hilfreich sein, um diese verschiedenen Lehrerprofessionen
im Grund schul bereich zu strukturieren. Das erlebe ich immer als große offene
Frage, wenn ich an den Schulen bin: Wie kann man die verschiedenen Rollen klären,
wer ist wofür zuständig, und wie kann die Zusammenarbeit gelingen? An dieser Stelle
versuchen wir gerade, das nächste Projekt anzuschließen.

Was ist Ihr persönliches Ziel beim Projekt?
Wir kommen aus der Kindertherapie, wo es an der Stelle hakt, die Dinge, die wir in der
Therapie besprechen, auch wirklich im Alltag umzusetzen. Wir versuchen das, indem
wir mit den Lehrerinnen und Lehrern Kontakt aufnehmen und uns absprechen. Trotzdem
hat mich das immer umgetrieben, und ich dachte, dass es sowohl aus Perspektive
der Schule, also pädagogisch, und auch aus Perspektive der Therapie gute Strategien
gibt, die wir noch nicht zusammenbringen. Das war der Ausgangspunkt bei der Frage,
wie wir eine Intervention entwickeln können, um das zusammenzuführen.
Wir wollen die Methoden, die für die Kinder am hilfreichsten sind, zusammenbringen.
Natürlich ist das für die Lehrkräfte aufwendig, und man muss erst mal erklären,
dass der Mehraufwand sich lohnt.

Gab es denn auch Vorbehalte bei Lehrerinnen und Lehrern?
Natürlich. Wir haben rund 150 Schulen angeschrieben, und letztendlich mitgemacht
haben 15. Gewiss gibt es da viele Gründe, aber auch an den Schulen, die den Aufwand
auf sich genommen haben, gab es kritische Haltungen. Wir haben immer einen Tag
Fortbildung für das ganze Kollegium gemacht, um die Grundprinzipien zu erklären.
In der Hoffnung, dass sich dadurch schon etwas verändert. Das war aber nicht immer
einfach. Es ist ja auch ein berechtigter Vorbehalt, wenn jemand von außen kommt
und mit den Kindern gerade mal 50 Minuten die Woche in einem gemütlichen Raum
verbringt und dann zeigen will, wie es geht.