Nachgefragt: Russisch und Polnisch – unentdeckte Ressourcen im Schulunterricht?


DLR-PT/Treude

In welchem Maße bringen Schülerinnen und Schüler mit russischem oder polnischem Migrationshintergrund ihre Sprachkenntnisse in den Unterricht ein? Dieser und vielen weiteren Fragen gehen Professor Bernhard Brehmer und Professorin Grit Mehlhorn gemeinsam mit ihren Teams im Verbundvorhaben „Russische und polnische Herkunftssprache als Ressource im Schulunterricht?“ nach. Im Interview beantworten Professor Bernhard Brehmer und sein Team Fragen zum Projekt.

Herr Brehmer, wie würden Sie Ihr Forschungsthema kurz zusammenfassen?
Bernhard Brehmer: In unserem Projekt geht es um Potenziale mehrsprachiger Jugendlicher. Oft wird die Meinung vertreten, es sei ein Nachteil, dass die Kinder in Migrantenfamilien nur ihre Herkunftssprache sprechen und dadurch der Erwerb des Deutschen behindert wird. Ziel unseres Projektes ist es daher, diese Vorurteile mit konkreten Fakten zu konfrontieren und gegebenenfalls zu widerlegen. Letztendlich geht es im Projekt darum zu zeigen, inwieweit eine gut ausgebaute Herkunftssprache den Deutscherwerb oder den Erwerb anderer Fremdsprachen positiv beeinflussen kann.

Wie gehen Sie in Ihrem Forschungsprojekt genau vor? Was ist Ihr Ziel?
Brehmer: Wir möchten im Greifswalder Teilprojekt untersuchen, welche sprachlichen und kommunikativen Fertigkeiten die Probanden in ihrer Herkunftssprache und im Deutschen haben. In welchem Verhältnis stehen die Kompetenzen in beiden Sprachen zueinander, wie beeinflussen sie sich, auch in Hinblick auf verschiedene Bereiche wie das Sprechen, Schreiben, Lesen oder das Hör- und Leseverstehen. Der Leipziger Fokus liegt auf der Erhebung von Einstellungen zu den beiden Sprachen, Spracherziehungszielen und der Sicht der Befragten auf ihre lebensweltliche Mehrsprachigkeit.

Im Greifswalder Projekt werden also die Sprachkompetenzen getestet, in Leipzig die Spracheinstellungen untersucht. Was ist seit Förderbeginn bereits passiert?
Brehmer: Wir haben zunächst verschiedene Sprachstandstests entwickelt. Diese sollen die grundlegenden Kompetenzen der Probanden im Deutschen und in der Herkunftssprache dokumentieren – von der Aussprache über das Schreiben und das Lese- und Hörverstehen bis hin zur Kommunikation in Alltagssituationen. Im nächsten Schritt ging es dann darum, Probanden für unser Projekt zu finden und mit ihnen die Tests durchzuführen.

Tatjana Kurbangulova (wissenschaftliche Mitarbeiterin, Schwerpunkt: russische Herkunftssprache): Wir testen mehrere Familien in Hamburg fünfmal. Wir befragen die Familien und testen sowohl die Kinder als auch die Eltern in ihrer Herkunftssprache und im Deutschen.

Wie ist der Kontakt zu Ihren Probanden entstanden?
Martin Winski (wissenschaftlicher Mitarbeiter, Schwerpunkt: polnische Herkunftssprache): Wir haben vorhandene Kontakte genutzt, aber auch Schulen angeschrieben, Lehrerinnen und Lehrer gefragt und Anzeigen aufgegeben. Es gibt in Hamburg zum Beispiel ein Internetportal für polnischsprachige Menschen, die in der Stadt leben.

Ist es leichter, einen Kontakt zu den Familien zu bekommen, wenn man selbst auch Muttersprachler ist?
Kurbangulova: Das ist auf jeden Fall ein Türöffner, weil ich schon im ersten Telefonat mit den Eltern der Schülerinnen und Schüler Russisch sprechen kann. Bei den Probanden zu Hause kann man die Situation sehr gut auflockern, wenn man in der Lage ist, auch von eigenen Erfahrungen zu berichten. Ich bin dann nicht nur die Wissenschaftlerin, die sie testen möchte, ich habe auch eine ähnliche Biografie.

Was ist das Besondere an Ihrer Methode?
Brehmer: Es gibt schon viele Studien, die lediglich eine Komponente der Sprachkompetenz mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher untersuchen. Wir wollten aber ein Projekt konzipieren, bei dem wir uns ein möglichst umfangreiches Bild der sprachlichen Kompetenzen verschaffen können. Die zweite Besonderheit unseres Projektes ist, dass wir die Entwicklung der sprachlichen Fertigkeiten über ein ganzes Jahr anschauen. Das dritte Charakteristikum ist, dass wir durch die Kooperation mit unseren Projektpartnern in Leipzig sowohl Daten zum Sprachstand als auch die Sichtweisen von Eltern, Kindern und Lehrkräften auf die Sprachentwicklung mit einbeziehen.

Wie reagieren die Befragten auf Ihr wissenschaftliches Interesse?
Winski: Die meisten Familien sind neugierig und offen, was auch daran liegt, dass wir versuchen, die Treffen locker zu gestalten. Viele Eltern sehen die Fragestellung unseres Projekts als Impuls zur Reflexion über die eigene Sprachbewusstheit und die ihrer Kinder. Dadurch, dass wir auf die Finanzierung des Projekts durch das BMBF verweisen können, sehen die Probanden auch, dass es ein gesellschaftliches und politisches Interesse gibt, Mehrsprachigkeit in Deutschland von staatlicher Seite aus zu fördern.

Inwiefern könnte sich der Schulunterricht positiv verändern, wenn sprachliche Ressourcen von Kindern mit Migrationshintergrund gezielter genutzt würden?
Brehmer: Mehrsprachige Kinder verfügen über eine größere Sprachlernerfahrung und können damit aus einem größeren Repertoire an Sprachwissen schöpfen als einsprachige Kinder. Wir erhoffen uns, ein Bewusstsein dafür bei den Lehrkräften zu schaffen und sie dazu zu bringen, diese oft brach liegenden Möglichkeiten der Kinder zu aktivieren.

Warum sind Russisch und Polnisch aus Ihrer Sicht wichtige Sprachen?
Brehmer: Es ist seit Langem ein Desiderat der europäischen Sprachenpolitik, dass jeder EU-Bürger zwei Fremdsprachen sprechen soll, idealerweise eine internationale Verkehrssprache wie Englisch oder Russisch und eine Nachbarsprache wie Polnisch. Ganz abgesehen von den vielfältigen geschichtlichen, kulturellen, politischen und ökonomischen Kontakten, die Deutschland zu beiden Ländern pflegt.

Was wünschen Sie sich für das Projekt?
Brehmer: Ich würde mir wünschen, dieses Projekt über einen längeren Zeitraum fortzuführen, um die langfristige Entwicklung der bilingualen Fähigkeiten beobachten zu können. Anhand unserer Forschungsergebnisse möchten wir Vorschläge für Lehrende entwickeln, wie die Mehrsprachigkeit der Lernenden produktiv in den Unterricht einbezogen werden könnte. Wir hoffen, mit unseren Analyseergebnissen den öffentlichen Tenor, dass Mehrsprachigkeit immer nur Probleme bereitet und Geld kostet, ein Stück weit zu widerlegen. Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit ist eine gesellschaftliche Ressource, die es systematisch zu entwickeln gilt. Dazu müssen die Familien selbst, aber auch die Schulen und die Gesellschaft insgesamt einen Beitrag leisten.

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